»

Mit einer Anzahl von Zeitzeugen und Zeitzeugenvereinen wurde im März 2016 an der EHB vom DIH ein Treffen mit Studierenden durchgeführt. Unserer Einladung waren folgende Vereine gefolgt:

- Verein ehemaliger Heimkinder e.V. vertreten von der Vorstandsvors. Frau Dettingen und Herrn Beginn,
- Ehemalige Heimkinder Deutschlands e.V., vertreten durch den Vorstandsvorsitzenden Herrn Pah,
- Königsheider Eichhörnchen e.V. vertreten durch die Vorstandsvorsitzende Frau Knüppel,
- Stiftung Königsheide e.V. vertreten durch die Vorstandsvorsitzende Alex Grimm,
- Verein Kindergefängnis Bad – Freienwalde e.V., vertreten durch den stellv. Vorsitzenden R. Buchwald,
- Studierende der Ev. Hochschule,
- Das Forschungsteam.

 

Bei dem Treffen wurden eine Reihe von Fragen diskutiert. Es ging nicht allein um die prinzipielle Frage, wie Aufarbeitung gelingen kann. Diskutiert wurden auch andere dringende Problemen. So ging bei diesem Treffen vor allem um fünf Themen.

 

1. Wie die Beteiligung der Zeitzeugen am Aufbau der Zeitzeugenplattform realisiert werden kann.

2. Wie die Einbeziehung möglichst vieler Zeitzeugen organisiert werden kann.

3. Wie die Aufarbeitung von bisher wenig öffentlich bekannten Aspekten der Heimerziehung (sexualisierte Gewalt, Arbeit, Medikamente) vorangetrieben werden kann.

4. Wie die Zusammenarbeit der Vereine und Zeitzeugen in Zukunft organisiert werden soll.

5. Für das nächste Treffen (angedacht wurde der Juni 2016) haben sich die Beteiligten vorgenommen, eine Art „Zeitzeugenbörse“ zu überdenken.

 

Teilnehmende Vereine 
 Verein Königsheider Eichhörnchen e.V. - Frau Knüppel. Der Verein betreut Zeitzeugen mit Erfahrungen, die sehr gemischt sind. Das Kinderheim Makarenko im Süd-Osten Berlins war ein DDR-Vorzeigeheim und sehr groß (bis 600 Kinder lebten hier zeitweilig gemeinsam). Der Verein ist schon lange aktive und hat bereits mehrere Bücher publiziert, in denen Zeitzeugen zu Wort kommen.
 Verein Ehemalige Heimkinder Deutschland e.v. - Herr Pah. Auch dieser Verein besteht seit langer Zeit. Er berät ehemalige Heimkinder, macht mit Ihnen aber auch praktische Sozialarbeit (Wohnungssuche, Schuldenproblemen, Aktensuchte). Der Verein unterhält ein Archiv mit Akten ehemaliger Heimkinder. Auch dieser Verein ist deutschlandweit aktiv.
 Die Stiftung Königsheide wurde von Frau Grimm vorgestellt. Sie berichtete, dass die Stiftung geschaffen wurde, um dem Verein Kontinuität zu gewähren. Das Gelände der ehemaligen Königsheide ist von einem Investor erworben worden, der es dem Verein ermöglichte, ein Dokumentationszentrum einzurichten. Die Stiftung soll die Verwaltung und Organisation übernehmen.
 Verein ehemaliger Heimkinder - Frau Dettinger. Der Verein ist nicht nur bundesweit aktiv, sondern hat auch Mitglieder in Irland, Frankreich, Spanien, Belgien, Australien, Kanada. Er hat im Moment 400 Mitglieder, die in verschiedenen Heimen einen Teil ihrer Kindheit verbrachten. Der Verein hilft den Heimkinder in allen den Bereichen, die mit dem Fonds-Heimerziehung  und dem OEG in Zusammenhang stehen.
 Kindergefängnis Bad Freienwalde e.V. - Rainer Buchwald. Der Verein konzentriert sich auf die Arbeit mit ehemaligen Insassen. Entsprechend des Charakters dieser Einrichtung sind hier viele Zeitzeugen aktiv, die Probleme mit dem StrRehaG haben und unter der politischen Situation der Heimerziehung in der DDR gelitten haben. Rainer Buchwald konnte sehr eindrücklich berichten, wie vielfältig die Lebenswege vieler sind, die in Bad Freienwalde leben mussten.

 Was wurde diskutiert und vereinbart?

1. Für die Zeitzeugenvereine war es – nach Ihrer Auskunft - der erste Fachtag dieser Art.

Sie sind (erstens) zu Vertretern der Wissenschaft eingeladen worden, um über Ihre Erfahrungen im Aufarbeitungsprozess zu berichten. Nach unserer Einschätzung waren alle Beteiligte sehr angetan von dieser Idee, sodass am Ende des Tages der Vorsatz gefasst wurde, einen solchen Fachtag zu wiederholen.

Sie sind (zweitens) zu einem Fachtag eingeladen worden, an dem Sie über eine Zusammenarbeit der Zeitzeugenvereine diskutieren konnten. Auch dies ist mit großem Interesse wahrgenommen worden und stellt nach Auskunft der Vereine, den ersten Versuch dar, die Arbeit der Vereine zu bündeln und zu koordinieren.

Drittens fand die Tagung an einer Hochschule unter Studierendenbeteiligung statt. Alles, was besprochen wurde, stand auch unter der Vorgabe zu überlegen, wie die Erfahrungen der Zeitzeugen weitergebeben werden können, wie sie Eingang finden kann in die Fach- und Hochschullehre.

Die Runde betonte, dass sie gerne mit dem DIH als auch untereinander in Zukunft zusammenarbeiten wolle. Eventuell soll der Kreis – auch wenn man sagen muss, dass die vergleichsweise kleine Runde sich sehr bewährt hat (längst ist nicht alles besprochen worden) – erweitert werden.

Unser Ziel besteht darin, alle Zeitzeugenvereine, in denen ehemalige Heimkinder organisiert sind, ins Gespräch zu bringen und an der Arbeit an der Zeitzeugenplattform zu beteiligen. Die anwesenden Vereine wollen sich an diesem Vorhaben beteiligen.

 

2. Das DIH berichtete von Erfolgen und Problemen bei der Einbeziehung von Zeitzeugen in die Erstellung eine Internetplattform. Die Erfolge lassen sich kurz zusammenfassen.

Wir haben sehr viele Zeitzeugen erreicht, die überwiegenden Anzahl bereits sind uns zu unterstützen (Biographiearbeit, Filme usw.). Die Internetplattform steht kurz vor der Veröffentlichung.

Die Probleme bestehen darin, dass nicht mit allen Zeitzeugen, die Bereitschaft zur Mitarbeit geäußert haben, sofort und unmittelbar ein Kontakt aufgebaut werden kann. Dies hat häufig praktische Gründe. Unsere Kapazitäten, Zeitzeugen, die nicht in Berlin oder Brandenburg wohnen, aufzusuchen, ist begrenzt. Ein weiteres Problem betrifft die Einbeziehung der Heimkinder, die nicht aus der ehemaligen DDR-stammen.

Unter den Zeitzeugen herrschte Einigkeit, dass jedes Heimschicksal Achtung und Respekt verdiene und niemand von der Aufarbeitung ausgeschlossen werden dürfe. Es herrschte auch Einigkeit darüber, dass es zwischen „ost“ und „west“ Heimkindern keine Konkurrenz geben dürfe.

 

3. Vorstellung der Zeitzeugenplattform. Die Vorstellung nahm mehrere Stunden in Anspruch, weil es zu fast jeder Kategorie Bemerkungen und Ergänzungen gab. Folgende Vorschläge wurden aufgenommen:


Der Heimatlas soll weitere Kategorien erhalten:

1
Die Kategorie Pädagogik soll unterteilt werden in historische Pädagogik und gegenwärtige Pädagogik
  2
Wochenheime
  3
Eine neue Kategorie: Gruppendynamik
  4
Eine neue Kategorie: Stigmatisierung
  5
Eine neue Kategorie: Zukunft/Angst vor dem Altersheim
  6
Eine neue Kategorie: „unbestimmte Rechtsbegriffe“
  7
Eine neue Kategorie: Psychiatrie
  8
Eine neue Kategorie: Beratung
  9
Unter der Kategorie Pädagogik auch eine Kategorie Religion
 10 Eine neue Kategorie: politisch – rechtliche Rahmenbedingungen
 11 Statt "Sexueller Missbrauch" besser "sexuelle, bzw. sexualisierte Gewalt"
 12 Die Kategorie Recht soll unterteilt werden in: historisches und gegenwärtiges Recht
 13 Eine neue Kategorie: Heime der Behindertenhilfe

 

 Zitate rund um die Kindheit im Heim  
 (Herkunft???)   "Ach, du warst im Heim, bist aber trotzdem erwachsen geworden."
 (Herkunft???)   "Man sollte keine Gedenktafeln errichten, sondern dorthin eine Bombe werfen."
 Peter Schruth   "Jedes Heimkinderschicksal ist auf seine Weise repräsentativ."

 

4. Unter dem vierten Tagungsordnungspunkt ging es darum, über eine Verstetigung der Aufarbeitung nachzudenken.

Die Vereine haben den Eindruck, dass mit dem Auslaufen des Fonds-Heimerziehung die Aufarbeitung verändert wird. Sie befürchten, dass mit dem Ende des politischen Prozesses die Bemühung erlahmt, die den Betroffenen Gehör verschafft, damit aus der Vergangenheit Lehren gezogen werden.


Wir haben deshalb darüber diskutiert, ob eine Art Zeitzeugenbörse/Zeitzeugenpool angelegt werden könnte, der den Kontakt zu den Schulen und Gymnasien, Fachschulen und Hochschulen herstellt.

Überall dort, wo Geschichte, Sozialarbeit und politischen Zeitgeschichte gelehrt und gelernt wird, könnte man Zeitzeugen vermitteln.
Über diese Idee soll beim nächsten Treffen gesprochen werden.

Heimplattform

Jahrhundertkind steht für die drei Aspekte der Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung des 20. Jh. Erstens wollen wir das im Verlaufe dieses Prozesses erhobene Wissen sichern. Zweitens sollen die Zeitzeugen die ihnen zustehende Bedeutung erhalten. Und Drittens wollen wir die Lehre aus der Aufarbeitung der Heimerziehung in die universitäre Ausbildung der Fachkräfte und Pädagogen umsetzen. Die Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen Länder, Iris Gleicke, hat das Deutsches Institut für Heimerziehungsforschung mit der Realisierung dieses Projektes beauftragt. Weiterlesen