„Zwangsarbeit in Jugendhilfeeinrichtungen der DDR“?

von Anke Dreier-Horning

 


 

Titel: Zwangsarbeit/ erzwungene Arbeit in den Einrichtungen der DDR-Jugendhilfe.
Projektzeitraum: Juli 2015 - September 2016

Auftraggeber:Beauftragte der Bundesregierung

 

Auftragnehmer:DIH

Veröffentlichung: Frühjahr 2017 im Berliner Wissenschaftsverlag
in der Schriftenreihe des DIH (Bd. 4)

 



Teil 1: Aktengestützte Recherche: Archivrecherche in 6 regionalen Archiven, Bundesarchiv und BStU, sowie Auswertung der bisherigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen
Teil 2: Zeitzeugenbasierte Recherche: Online-Fragebogen „Arbeit im Heim“ mit 124 TN, 23 leitfadengestützte Interviews

 

Ziel des Forschungsprojektes:
Es sollten: „die Hintergründe, die Praxis und die Folgen der Zwangsarbeit/ erzwungenen Arbeit für die Betroffenen geklärt und eine gesellschaftliche Diskussion über diese besondere Form des Unrechts ermöglicht werden.“

 


  1. Zum Forschungsobjekt
  2. Diskussionen zum Terminus „Zwangsarbeit“
  3. Neueste Ergebnisse:
    • Formen der Arbeitsverpflichtungen
    • Bewertung der Arbeitsverpflichtungen durch die Zeitzeugen - 5 Kriterien
    • Eigene Bewertungskriterien
    • Prekäre Arbeitsverhältnisse
    • Zwangsbiografien
  4. Bewertung und Fazit

 


 

Vorbemerkungen:

  1. Abschlussbericht DDR-Heimerziehung : „erzwungene Arbeit“, „unangemessene Arbeitseinsätze“, „Kinderarbeit“, „Arbeitspflicht“, „in die Nähe zur Zwangs- und Strafarbeit“,
  2. Identische Diskussion Runder Tisch BRD-Heimerziehung 1950er/ 1960er Jahre (auch z.B.  Schweiz, Österreich) und
  3. Strafgefangenenarbeit politischer Häftlinge in der DDR

-> Der Streit um die Verwendung des Terminus "Zwangsarbeit" bildet die grundsätzliche Frage nach der Einzigartigkeit der NS-Verbrechen ab (Historikerstreit 1986/87).

 


 

pro
  • IILO - Kriterien (nicht Bedingungen sondern Zweck der Tätigkeit) (DDR nicht ratifiziert)
  • Betroffene, Medien verwenden ihn
  • gültiger Rechtsbegriff
  • NS-Zwangsarbeit sehr uneinheitlich/undefiniert -> Parallelen zu Speziallagern/ Arbeitserziehungslagern etc.
contra
  • Benutzung wg. erhoffter Entschädigungszahlungen
  • Gemeinsamkeiten zur NS-Zwangsarbeit unzureichend (Vernichtung durch Arbeit)
  • Relativierung der NS-Zwangsarbeit

 


 

  • Forschungsbegriff nach dem 2. WK, für alle Arbeitskräfte, die Zwangsmaßnahmen unterworfen waren
  • Def. Zwangsarbeit 1965, Brockhaus:
  1. Freiheitsstrafe (z.B. in Frankreich) vgl. dt. Zuchthaus
  2. in totalitären Staaten ein Mittel zur zwangsweisen Ausnutzung der menschl. Arbeitskraft, mit „erzieherischen“ Zwecken verbunden oder damit bemäntelt („Sklavenarbeit“); die Anordnung verstößt gegen die Menschenrechte (Europäische Konvention der Menschenrechte Art.4; Bonner Grundges. Art.12).
  • Sammelklagen gegen dt. Firmen aus den USA
  • 1999 Gründung Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“
  • Def. der Stiftung: Zwangsarbeiter/innen = während des 2. WK zur Arbeit gezwungen (Zivilarbeit/Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, Häftlinge in KZ, Juden in Ghettos und Zwangsarbeitslagern)

 

„Zwangsarbeit“ wird demnach nicht durch den Charakter der Tätigkeit definiert, sondern bezeichnet eine Opfergruppe der deutschen Geschichte.

 

Fazit:
Erst aufgrund der Aufarbeitungsbemühungen von NS-Opfergruppen wurde in den 1990er Jahren der Begriff immer ausdrücklicher mit der NS-Zeit verbunden. Der Begriff „Zwangsarbeit“ an sich kann nicht exklusiv verstanden werden.

 


 

Formen der Arbeitsverpflichtungen

  1. a Selbstbedienung („Ämter und Dienste“)
  2. b Arbeiten als technisches Personal
  3. c Strafarbeiten
  4. d Arbeitseinsätze in der Freizeit
  5. e Arbeiten innerhalb einer beruflichen Qualifizierung
  6. f Arbeiten, die außerhalb der Heimeinrichtung ein sozialversicherungspflichtiges Verhältnis dargestellt hätten, ohne berufliche Qualifizierung

 

Normalkinderheim Spezialkinderheim Jugendwerkhof  Durchgangseinrichtung
a,c,d a,c,d a,b,c,d,e,f a,b,c,f

 

 

 


 

  1. In welchem Maße die Zeit der Arbeit die Freizeit betraf,
  2. inwiefern die Arbeitsverpflichtungen mit Kindern außerhalb der Einrichtung vergleichbar war,
  3. inwiefern die Arbeitsverpflichtungen mit Kindern innerhalb der Einrichtung vergleichbar war,
  4. inwiefern sie Mitgestaltungsmöglichkeiten hatten, fremdbestimmt agierten und sich der pädagogischen Situation ausgeliefert fühlten,
  5. inwiefern ihre Arbeit Anerkennung erfuhr.

 


 

These 1: Keine Erziehung kommt ohne Zwang aus.
These 2: Arbeit kann eine konstituierende Bedeutung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben.
Schlussfolgerung: Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten zu Arbeiten zu zwingen, ist nicht per se zu verurteilen.

Es müssen Grenzen definiert werden:

  1. Funktionalisierungsverbot
  2. Demütigungsverbot

 


 

  • die Errichtung von Jugendwerkhöfen in Industriezentren
  • die Verwendung der Arbeitskraft durch die Kreise und Bezirke für öffentlich nützliche Arbeit
  • die Möglichkeit der Betriebe, flexibel auf die Arbeitskraft der Jugendlichen zugreifen zu können
  • der Einsatz von Jugendlichen zur Erfüllung von Exportplänen
  • die Einweisung von Jugendlichen in Werkhöfen, bei denen eine Ausbildung oder Qualifizierung von Beginn an nicht vorgesehen war (Werkhöfe des Typs I, Jugendliche ab dem 17. Lebensjahr)
  • die Durchgangseinrichtungen, die Kinder und Jugendliche zu Arbeiten verpflichteten, ohne Qualifizierungsabsichten zu verfolgen
  • die Arbeit für Privatpersonen unter Ausnutzung der Abhängigkeitsverhältnisse
  • der Verleih von Jugendlichen zu Sonderschichten an Betriebe
  • die Arbeit im Dreischichtsystem
  • keine altersgerechte Regelung der Arbeitszeiten
  • kein ordentliches Arbeitsvertragsverhältnis (keine Urlaubsansprüche, keine Lohnfortzahlung bei Krankheit)
  • gesundheitsgefährdende Arbeit (z.B. Jugendwerkhof Freital)
  • das System der Leiharbeit, das den Jugendlichen einen Teil des Arbeitslohns vorenthielt und zu einer Benachteiligung bei den Rentenansprüchen führt
  • die mit der Einweisung in den Werkhof verbundene Ausschulung aus der allgemeinbildenden Schule und der damit einhergehende Verlust der Bildungsmöglichkeiten

 


 

Nichterfüllung der Arbeitsnorm und Arbeitsverweigerung führten zu disziplinarischen Konsequenzen (Essensentzug, Arrest, Gewalt) und zogen in schweren Fällen die Einweisung nach Torgau mit sich.

Die Verdingung eines Menschen zu fremden Zwecken und die Unterbindung der Möglichkeit sich gegen diese Instrumentalisierung zur Wehr setzen zu können, kann zu Situationen des Missbrauchs führen und die Entwicklung eines noch heranwachsenden Menschen stark beeinflussen.

 


 

„Ich versuchte den10. Klasseabschluss in der DDR nach Entlassung nachzuholen, die Volkshochschule reagierte nicht auf meine Anmeldung.“ (Zeitzeugenbefragung „Arbeit im Heim“, Jugendwerkhof Burg, 1987-1990, T.E. Nr. 40; in: DIH Archiv)

 

  • Ausschulung durch Heimeinweisung
  • keine Qualifizierungsmöglichkeiten, die tatsächliche Berufschancen eröffnete,
  • keine Möglichkeit der Berufswahl
  • Probleme bei der Eingliederung in die Gesellschaft (Stigmatisierung, staatliche Überwachung)
  • die Bedingungen, unter denen gearbeitet wurde, sind von einer Qualität, die zu einer Beschädigung der lebensstabilisierenden Faktoren der Person beitragen mussten

 


 

Das Phänomen „Arbeit“ in den Jugendhilfeeinrichtungen der DDR ist immens vielfältig, da es

  • unterschiedliche Dimensionen (von Arbeitserziehung bis zur wirtschaftlichen Ausbeutung),
  • unterschiedliche Formen (Selbstbedienung, Strafarbeit, Berufsausbildung, Leiharbeit, gesellschaftlich nützliche Arbeit etc.)
  • in unterschiedlichen Zeitperioden (als Kontrast die Nachkriegsjahre, die idealistischen frühen 1950er Jahre und die wirtschaftsorientierten 1960er Jahre)
  • in unterschiedlichen Heimarten (Vorschulheime bis zum Jugendwerkhof Torgau) betrifft.

 

Verwendung des Terminus „Zwangsarbeit“  (unter Berücksichtigung

  1. der Begriffshistorie und
  2. der formulierten ethischen Maßstäbe (Funktionalisierungsverbot, Demütigungsverbot)

ist für folgende Formen von Arbeitsverpflichtungen legitim:

  1. Alle in den Durchgangseinrichtungen (Durchgangsstationen, Durchgangsheimen und Durchgangsplätzen) von 1949 bis 1989 durchgeführten Arbeiten, die mit einem Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Einrichtung vergleichbar sind.
  2. Alle in den Jugendwerkhöfen durchgeführten Arbeiten, die mit einem Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Einrichtung vergleichbar sind und mit keiner beruflichen Qualifizierung verbunden waren.

 

Dazu gehören insbesondere folgende Formen:

  • die Jugendwerkhöfe des Typs I,
  • die Gruppen von Jugendlichen ab dem 17. Lebensjahr,
  • die lediglich für die Erfüllung von Wirtschaft- und Exportplänen gegründeten Gruppen innerhalb von Jugendhilfeeinrichtungen wie z.B. die Mädchengruppe des Knäckewerkes im Jugendwerkhof Burg,
  • die Verpflichtung der Jugendlichen zu Sonderschichten innerhalb der Produktion neben der regulären beruflichen Qualifizierung z.B. in den Volltuchwerken Crimmitschau.

 

Weitere Formen der Zwangsarbeit sind nicht auszuschließen und sollten einer Einzelfallprüfung unterzogen werden.

 

"Ich denke schon, dass sich mein Aufenthalt in Crimmitschau auf mein weiteres Leben sehr auswirkt. Ich bin heute zu kontrolliert und verbissen. Obwohl ich aufgrund einer Borreliose (mittlerweile zur Neuroborreliose entwickelt) chronisch krank bin, habe ich immer ein total schlechtes Gewissen, wenn ich mal krankgeschrieben werde. Ich komme mir noch immer vor wie ein "Schulschwänzer". Meine ganze Leichtigkeit und Unbeschwertheit sind verloren gegangen. Ich denke sehr oft darüber nach, was wäre wenn Crimmitschau nicht gewesen wäre. Mich bedrückt auch sehr oft, dass ich meinen Sohn und viele andere Menschen belügen muss, da ich nicht erzählen kann und will, wo ich war und dass ich keinen 10-Klassen-Abschluss habe. Oder dass ich unbedingt mein SV-Buch vernichten muss, sobald irgendwann mal meine Altersrente bewilligt wurde- nur, damit nach meinem Tod mal nicht mein Sohn + Familie lesen, wo ich war. Meine Schwestern haben von mir eine Schweigepflicht auferlegt bekommen. Irgendwie holt mich das Thema immer wieder ein und es sind eineinhalb Jahre, die ich nicht in Freiheit zubringen konnte."  

Zeitzeugenbefragung "Arbeit im Heim", Jugendwerkhof Crimmitschau, 1975 - 1977, S.F. Nr.  66.; in: DIH Archiv.

 

 

  • Eine Reduzierung auf den Begriff der "Zwangsarbeit" wäre jedoch unzureichend.
  • Begründung:
    Die psychische und soziale Wirkung der Funktionalisierung und der damit einhergehenden Demütigung des Kindes/ des Jugendlichen ist im Begriff der "Zwangsarbeit" nicht enthalten.

 

Wir sprechen von einem Missbrauch.